Die Perfektionismusfalle

von Maike
89 Gesehen
Die Perfektionismusfalle Pinterest

Schon früh habe ich gelernt, dass ich nur geliebt werde, wenn ich bin, wie man mich haben will und nur Beachtung und Anerkennung erfahre, wenn ich funktioniere. Und ich habe funktioniert, viele Jahre lang. So lange, bis ich mich kaputt funktioniert hatte, am Boden lag und froh darüber war, es wenigstens kriechend noch aufs Klo zu schaffen. Ich war fertig. Am Ende.

Es war ein langer Weg, um von dem kriechendem Etwas wieder zu einem stehenden Menschen zu werden, der auch mal auf den Tisch hauen kann. Und er war hart, so verdammt hart. Doch wenngleich ich inzwischen wieder stehe, sind noch lange nicht alle Baustellen abgeschlossen. Bislang ist alles nur notdürftig geklebt und Erschütterungen führen schnell dazu, dass die Risse wieder größer und tiefer werden. Hätte ich nicht so eine starke, anerzogene Versagensangst, wäre wahrscheinlich alles halb so schlimm, aber ich bin hier nicht auf dem Ponyhof und drei Wünsche habe ich auch nicht frei. Stattdessen sitze ich in der Realität fest und versuche tagtäglich meine Persönlichkeit und meine Schwächen mit dem in Einklang zu bringen, was das Leben mit sich bringt. Was sich weitaus schwieriger gestaltet, als man denken mag, denn an jeder Ecke lauert wieder jemand oder etwas, der/das mich ins stolpern bringt, zweifeln lässt und das Aufrechtstehen verdammt schwer macht.

Die Perfektionismusfalle 1

Das kannst du aber besser und scheiße siehst du auch noch aus!

Nur noch selten scheint das, was man leistet, gut genug. Immer mehr Geschäftsmodelle bauen darauf auf, uns zu verbessern. Wir lassen uns durch gut durchdachte Werbetexte einreden, dass wir nicht ausreichen, dass an etlichen Stellschrauben gedreht werden muss und dass wir zu den Verlierern gehören, ändern wir nichts an diesen Pseudobaustellen. Pseudo? Ja, genau! Die ganzen selbsternannten Experten, Coaches und Gurus schaffen Probleme, wo eigentlich gar keine sind und hindern uns mit ihrer geschickten Manipulation daran, fünf grade sein zu lassen und stolz auf das zu sein, was wir können und leisten. Sie kratzen jedes Fitzelchen Selbstbewusstsein von uns herunter und hindern uns daran, stolz auf uns zu sein. Sie lullen uns ein mit ihrer umgekehrten Psychologie und ihren Worten scharf wie ein Messer, das da zusticht, wo es richtig wehtut. Sie trichtern uns ein, dass unsere Beine zu unförmig, unsere Augen zu rund, die Lippen zu schmal, der Hintern zu platt, die Zähne zu elfenbeinfarben und unsere Brüste zu klein/groß/hängend/whatever sind. Sie meckern an unserer Schrift herum und zählen auf, was für negative Dinge man daraus über uns erfahren kann, sie wedeln mit dem Finger und setzen eine enttäuschte Miene auf, um auch ja den meist möglichen Verkaufseffekt zu erzielen. Und sie sind überall. Ü B E R A L L!!!!

Und wir Dummerchen lassen uns von all dem Fake auch noch einlullen und fangen an, jedes Fitzelchen unseres Seins in Frage zu stellen. Hungern uns bis auf die Knochen runter und lassen an uns rumschnippeln, um in ein Bild zu passen, das einfach nicht echt ist. Das mit Photoshop makellos gemacht und weichgezeichnet wurde. Wir geben Unmengen Geld aus, um uns von Pseudoexperten sagen zu lassen, was mit uns alles nicht stimmt und geben noch mehr Geld aus, um daran etwas zu ändern. Und das ist ja auch nur logisch, schließlich wollen wir dazugehören und nicht als Loser in die hinterste Ecke verbannt werden. Wir wollen etwas aus uns und unserem Leben machen, denn das ist es doch, was Eltern und Lehrer schon den Kleinsten immerzu vorbeten. Glücklich sein? Ach, wer braucht das schon!

Das Geschäft mit der Angst

Auch, wenn sich Sex nach wie vor gut verkauft, habe ich den Eindruck, dass das Geschäft mit der Angst ein weit Größeres ist. Und das ist auch nur logisch, denn Angst ist nicht an eine bestimmte Sache geknüpft, sondern kann auf alle Lebensbereiche übertragen werden. Kein Wunder also, dass man gerade in den sozialen Medien immer wieder Headlines wie „Wenn du dies nicht willst, dann musst du ..“ oder „Machst du das, dann passiert dir dies“ liest. Es ist ein Spiel mit der Angst der Menschen, die nicht krank, zu dick oder aufgrund ihres Alters ausrangiert werden wollen, die gemocht werden und eine glückliche Partnerschaft führen möchten, die nichts falsch machen wollen und die sich ein finanziell sorgenfreies Leben wünschen. Und ja, auch ich habe mich schon so einige Male von diesen reißerischen Überschriften ködern lassen, nur, um dann festzustellen, dass ich mich dadurch Stück für Stück selbst zerstöre, weil auch ich das Gefühl bekomme, einfach ungenügend zu sein (herzlichen Glückwunsch, liebe Pseudoexperten, Coaches und Gurus, ihr habt erreicht, was ihr erreichen wolltet!) und sich dadurch Gedanken in meinen Kopf schleichen, die die seelische Gesundheit gewaltig stören.

Die Perfektionismusfalle 2

Sag dies nicht, tu das nicht, denk jenes nicht!

Doch nicht jeder, der mich zu einem besseren Menschen machen möchte, möchte mir auch etwas verkaufen. Häufig üben sie Kritik an meiner Persönlichkeit, sagen, dass ich mich nicht korrekt ausdrücke, die falschen Dinge denke und nicht das Richtige tue. Untermauert wird die Kritik gerne mit Sätzen wie „du musst das natürlich nicht ändern, aber dann bist du halt scheiße“. Danke auch. Dabei ist es ja nicht so, als wäre ich nicht offen für Verbesserungsvorschläge und würde nicht stets versuchen, niemandem unrecht zu tun oder zu verletzen, nein. Aber den Ton, der da manchmal an den Tag gelegt wird, den finde ich unmöglich. Ehrlich. Kann man nicht freundlich Kritik üben? Kann man seinen Gegenüber trotz seiner Fehler nicht auch respektieren? Ich habe manchmal das Gefühl, unser Alltag bestünde nur noch aus Konflikten. Hast du den einen gelöst, wartet an der nächsten Ecke schon das nächste Problem auf dich und erneut versuche ich, die Kurve zu kriegen, mir die Kritik anzunehmen, mich zu hinterfragen, dazuzulernen. Aber es gelingt mir nicht immer und, wenn ich ganz ehrlich bin, tut mir das oftmals auch gar nicht gut. Durch diesen teils doch sehr harschen und teils beleidigendem Ton, der heutzutage der letzte Schrei zu sein scheint, fange ich an, an mir selbst zu zweifeln und mich in Frage zu stellen. Während es Menschen gibt, die sich dadurch erst so richtig angespornt fühlen und zu Höchstleistung hochfahren, werde ich immer kleiner und immer leiser aus Angst, irgendwas falsch zu machen.

Optimieren bis der Arzt kommt.

Die Perfektionismusfalle 3

Mir fehlt die Menschlichkeit in unserer Gesellschaft. Mir fehlt es, dass wir nicht nur darüber reden, anderen Schwächen und Fehler zuzugestehen, sondern es auch wirklich zu tun. Mir fehlt der respektvolle Umgang miteinander, der Gedanke an die Menschen hinter der Fassade und daran, was Worte anrichten können. Ich vermisse es, dass Mensch vor Geld kommt. Ich vermisse ein Leben ohne Angst davor etwas falsches zu sagen oder zu tun, ein Leben, in dem nicht bald jeder Zweite wegen Leistungsdruck und Stress krank ist. Ich vermisse ein Leben, in dem man keine Angst davor haben muss, unperfekt zu sein, weil unperfekt das neue perfekt ist. Doch ich bin mir auch darüber im Klaren, dass das alles nur Wunschdenken ist, dass womöglich noch nicht einmal der lauteste Knall dazu führen würde, dass unsere Gesellschaft umdenken und von ihrem Leistungs- und Optimierungswahn ablassen würde. Immer mehr Kohle machen und auf den Schwächeren rumhacken ist ja auch viel lustiger, als Lebensqualität, freies Lachen, Spontanität, albern sein und Respekt und Achtung vor den Mitmenschen und ihrem Leben zu haben. Und dennoch wünsche ich jedem Menschen da draußen, dass er lernt, Grenzen zu ziehen, auch mal Sachen liegen zu lassen, mit dem zufrieden zu sein, was man hat und nicht immer nach mehr zu streben, den Moment zu genießen, Pferde zu stehlen und im Regen zu tanzen. Denn weder Zeit noch Gesundheit kommen zurück, wenn wir sie einmal verschwendet haben.

 

 

1

Lasse mir deine Gedanken da

* Die Datenschutz-Checkbox ist ein Pflichtfeld.
Um die Übersicht über Kommentare zu behalten und Missbrauch zu verhindern, speichert Gummistiefelpolka deinen Namen, deine E-Mail-Adresse sowie deinen Kommentar mit dazugehörigem Zeitstempel. Deine IP-Adresse wird anonymisiert. Du hast die Möglichkeit, deinen Kommentar jederzeit wieder zu löschen. Mit dem Abschicken des Kommentars stimmst du dem zu. Ausführliche Informationen dazu findest du in unserer Datenschutzerklärung.